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Joachim Kuhlmann - 1997-05-23:
Traumflug – 795 km FAI Dreieck auf Standard Libelle
Flugweg
 
Was bewegt einen, eine solche Strecke mit einer Libelle anzumelden? Klar der Barron Hilton Cup. Dazu lasst mich ein bischen ausholen….

Nachdem ich 1990 mit einem 772 km FAI (auf Standard Cirrus) lachender 3. im BHC wurde, hatte ich mir in der Saison 96/97 vorgenommen es noch mal zu versuchen. Da die Saison 1996 relativ verkorkst war und es offenbar keine guten Flüge gab, galt es also, 1997 alles auf eine Karte zu setzen.

Leider waren damals eigentlich keine Informationen verfügbar, was an entsprechenden Flügen bereits gemeldet war. Bis zum Meldeschluß am Ende der 2 Jahres Frist war alles geheim. Zum Glück ist das heute anders. Lediglich in der Doppelsitzerklasse hatte man in Deutschland eine gewisse Info, da in der DmST nur ein Flug in der Doppelsitzerklasse gewertet wurde.

Wir hatten als ersten guten Tag in der Saison 1997 Sonntag den 20. 4. erwartet . Als wir am morgen die Flugzeugverteilung diskutieren fegt ein Schneeschauer über den Platz und am Ende stehen wir im 5 cm hohen Neuschnee (Betzdorf Kirchen, Deutschland) das Interesse an den Flugzeugen nimmt danach rapide ab und ich bekomme den Duo. Ein Flug am Nachmittag mit meiner Frau Karin zeigt mir was in dieser Luftmasse steckt. 5 m/s zwischen den Schneeschauern sind keine Seltenheit. Die Basis steigt in der extrem kalten Luft am Nachmittag auf 2000 m NN .Da die Polarluft weiter unter Hochdruckeinfluß gerät entscheide ich mich, den nächsten Tag (Montag) Urlaub zu nehmen.

Der Montag beginnt wie erwartet. Mir schwebt eine Größenordnung mit dem DUO Discus zusammen mit Rüdi Klein knapp unter 900 km vor, doch lasse ich mich durch Randbedingungen (kein Schlepppilot verfügbar etc) wieder davon abbringen. Letztendlich stehen 811 km mit den Wenden Betzdorf-Möhnesee-Burg Feuerstein-Kell-Betzdorf auf dem Zettel. Wir starten gegen 10.30 Uhr in Betzdorf. Klaus Wedekind ist zu diesem Zeitpunkt mit seiner ASH 25 bereits unterwegs. Kurz nach dem Start fragen uns die Dierdorfer Fliegerfreunde Ingo Schulz und Roland Almon (Dierdorf liegt ca 35 km von Betzdorf entfernt) nach unserem Vorhaben. Ich erwähne etwas von „um 800 km“. Auf meine Gegenfrage zu ihrer Strecke kommt die Antwort: „ 700 km um Frankfurt“(Janus C). Auf Details gehe ich zunächst nicht ein. Nach 81/2 Stunden ist der Flug „im Sack“ und wir hatten abgesehen von Blauthermik westlich des Rheins nie ernsthafte Probleme. Alles erinnert mich trotz des geschafften Fluges an die Maitage 1990 , wo ich die 772 km im Cirrus ebenfalls 1,5 Stunden vor Thermikende vollendet hatte. Aber was solls. Die Dierdorfer hatten 792 km aufgeschrieben und auch diese Strecke mit einem 100 er Schnitt umrundet. Waren aber trotz Indexunterschied vom Janus zum DUO 12 Punkte weniger. Klaus Wedekind hat den Tag richtig erkannt und ausgenutzt und fliegt von Betzdorf aus mit seiner ASH 25 ein angemeldetes 1125 km FAI Dreieck. Bis dahin (und ich glaube sogar heute noch) Bestmarke in Europa.

2 Tage später ist wieder brauchbares Wetter. Ich schätze es nicht ganz so gut ein und wir fliegen mit einer „Horde“ aus unserem Verein ein 600 er rund um Frankfurt. Wir haben Mühe es zu vollenden und 3 Mitstreiter müssen in Dierdorf landen. Dort landet etwa zur gleichen Zeit Roland Almon mit seinem Standard Astir II nach einer angemeldeten Dreieckstrecke von 772 km! Nachdem ich das erfuhr rief ich Roland an, und bot ihm an, mich für den Rest der Saison aus der Clubklasse (bezüglich BHC) herauszuhalten, wenn er dies für die Doppelsitzerklasse täte. Ich rechnete mir einfach aus, an einem guten Tag meine eigenen 811 km mit dem Duo zu überbieten als seine 772 km mit dem Astir.
Zu meinem Erstaunen lehnte Roland ab. Er wolle in beiden Klassen gewinnen. (Auch Roland war bereits 1990 mit einem Wahnsinnsflug gescheitert). Nun gut.

Etwa einen Monat später war für Samstag den 23.5.97 wieder relativ gutes Wetter angsagt. Der Wetterbericht sprach von mäßig bis guter Thermik bei einem frühen Beginn. Die Optik sah allerdings morgens nicht sehr berauschend aus. Als ich zum Flugplatz fahre, schwebt mir eine Größenordnung von ca. 600 km mit meiner Libelle vor. Ich habe allerdings noch keine genauere Wetterinformation. Am Platz angekommen ändert sich die Situation. Große Zahlen stehen auf den Zetteln. Günter Jacobs hat mit seiner ASW 24 sogar 1000 km aufgeschrieben. Ich lasse mich anstecken, zumal dies mein letzter verfügbarer Flugtag für die nächsten 4 Wochen sein wird, da ich auf Dienstreise nach Fernost muß. Also alles auf eine Karte setzen und versuchen den Clubklasse Flug von Roland zu knacken . Es muß also eine Strecke knapp unter 800 km sein. Mit den Wetterbedingungen und der Streckengröße liegt auch der Rahmen in etwa fest. Die Strecke muß südlich um das CVFR Gebiet Frankfurt mit einer Wende im Nordrand des Sauerlandes, einer im Hunsrück und einer im Raum Bamberg liegen. Ich entscheide mich mit meiner Libelle (D-0920) für ein Dreieck mit den Wenden Betzdorf-Kell-Burg Feuerstein-Brilon-Betzdorf mit einer Gesamtstrecke von 795,4 km. Unser Flugplatz Betzdorf liegt am westlichen Ausläufer des thermisch hervorragenden (zumindest für Flachländer!) Rothaargebirges. Die Wahl der richtigen Umrundungsrichtung ist immer ein entscheidendes Kriterium. Aufgrund der niedrigen Basis entscheide ich mich zunächst nach Südwesten zu fliegen, um nicht bei niedriger Bewölkung in das ansteigende Gelände fliegen zu müssen.

Der Start erfolgt auch für unsere Verhältnisse früh (9.55 Uhr). In 600 m GND passieren wir die Wolkenbasis. Ich nutze aber die 1000 m Schlepphöhe aus und gleite direkt nach dem Abflugfoto (durch ein Wolkenloch) auf Kurs. Da das Gelände auch nach Südwesten zunächst ansteigt (Westerwald) ist die Basis über Grund schon extrem niedrig. Durch den Nordostwind bilden sich aber Aufreihungen und es geht einigermaßen Problemlos. Bei Montabaur ist die Basis bereits 1100 m. Knackpunkt bei dieser Abflugrichtung ist immer die erste Querung des Rheintals. Auch heute. Es gilt auf der Ostseite noch mal Maximalhöhe zu nehmen und dann vorsichtig durchzugleiten. Günter Jacobs fliegt zu forsch und sitzt mit seiner ASW 24 auf dem Acker. Kurz bevor ich den Rhein erreiche ruft Vereinskollege Thomas Hofman im Funk und fragt nach meinen Wendepunkten. Er entscheided sich mit seiner ASW 20 16,6 für die gleiche Strecke, kommt aber erst eine Stunde später in die Luft. Ich kann den Rhein queren und bekomme in 300 m GND wieder Anschluß. Die Basis hebt jetzt an (1500 m NN) und ich komme unter Aufreihungen mit Windunterstützung zügig voran. Nach der Umrundung von Kell um 11.50 Uhr (79 km/h) entscheide ich mich zunächst wieder die Aufwindreihung über dem Hunsrück zurück zufliegen, um relativ spät nach Süden abzuknicken um das CVFR Gebiet Frankfurt sicher zu umfliegen. Der nächste Knackpunkt ist die Querung des Rheintales in West-Ost Richtung gegen den Wind. Es gibt heute gute Aufwinde, aber große Abstände.Ich komme relative niedrig an den Hängen des Odenwaldes an und muß 1,5 m/s mitnehmen. Danach geht es aber im Odenwald recht problemlos mit 2-3, manchmal auch 4 m/s weiter. Ab hier geht es relativ gut, die Basis liegt jetzt bei 1400 – 1500 m über Betzdorf (1750 m NN). Dennoch bremst der Gegenwind und der gut 300 km lange Schenkel von Kell zum Feuerstein kommt mir ellenlang vor. Vor 4 Wochen im DUO war das in 2h 45 min erledigt. Heute brauche ich 4 h. Bei Würzburg werde ich von Thomas in der ASW 20 eingeholt. Der gegenseitige Erfahrungsaustausch fällt ab jetzt zu meinen Gunsten aus.
Gegen 15.45 Uhr erreiche ich den Feuerstein. Es verbleiben noch 345 km. Die Bewölkung läuft etwas auseinander und ich entscheide mich etwas in das Dreieck hineinzufliegen. Man muß vorsichtig sein aber es geht weiter. An Tagen wie diesen geht das Bergland (Sauerland, Rothaar) meistens sehr lange und auch gut, es gibt aber kräftige Absaugeffekte. Das ist auch heute so. Nachdem Thomas mich gewarnt hat (er hatte sich gerade aus 200 m GND ausgegraben) bin ich vorsichtig und nehme noch mal Höhe bevor ich dieses Gebiet durchfliege. Gegen 19.00 Uhr erreiche ich am Edersee wieder Anschluß an die Thermik im Sauerland. . Mein Schnitt hochgerechnet lässt das Gelingen des Fluges eigentlich als unmöglich Erscheinen. Dennoch gebe ich den Gedanken abzubrechen schnell wieder auf, da ich in die langanhaltende Thermik im Bergland und einen langen Endanflug mit Windunterstützung vertraue. Es geht auch halbwegs zügig weiter und die Basis steigt über dem Bergland noch mal ein wenig an. Gegen 19.30 erreiche ich Brilon. Thomas ist bereits kurz vor Betzdorf und hat sichere Endanflughöhe. Hier in Brilon hat meine Libelle die ersten 20 Jahre Ihres Flugzeugdaseins im Vereinsbetrieb zugebracht bevor ich sie 1992 kaufte.

Es sind noch fast 90 km nach Hause. Ich finde kurz vor 20.00 Uhr noch mal schwaches Steigen und nutze es bis zur Basis (1850 m NN) Auf Kurs ist nun kein Steigen mehr zu Erwarten. Eine Wolke steht noch ca. 30 ° abweichend vom Kurs, aber ob ich noch Steigen erwarten kann ist fraglich. Mein zum Endanflugrechner umfunktionierter Taschencomputer (PDA gabs damals noch nicht) zeigt mir bei optimistischer Rückenwindannahme 100 m plus auf Betzdorf bei einer Entfernung von ca. 55 km an. Ich entscheide mich für die direkte Strecke und fliege unter ständiger Kontrolle des Gleitpfades ab. Die Luft ist jetzt thermisch absolut tot, was aber auch den Vorteil hat, das keine Abwinde mehr zu befürchten sind. Die 100 m Plus bleiben konstant stehen. Sorgen macht mir lediglich der Effekt, in niedriger Höhe in die Leewirkungen des bergigen Geländes zu geraten, da der Rückenwind offensichtlich wie angenommen stimmt. In Hünsborn (11 km vor Betzdorf) muß die letzte Entscheidung fallen. Von dort bis zum Platz gibt es keine brauchbare Landemöglichkeit mehr. Da die 100 m plus immer noch stehen entscheide ich mich zum Weiterflug.

Als ich um 20.35 Uhr in Betzdorf aufsetze ist es tatsächlich geschafft ! Fast 800 km FAI mit einer Standardlibelle (ohne Wasserballast). Die Flugzeit betrug 10h 40 min. Die Durchschnittsgeschwindigkeit war also nicht berauschend, der lange Tag hat es im wesentlichen ermöglicht.

Thomas und ich haben heute die größten Strecken von Betzdorf aus geflogen. Dennoch wurden insgesamt über 6000 km geflogen. Roland und Ingo aus Dierdorf waren wieder mit dem Janus unterwegs. Sie mussten nach 100 km umdrehen, da sie die entgegengestzte Umrundungsrichtung gewählt hatten und morgens im Bergland fast aufliegende Bewölkung vorfanden.

Letztendlich wurden meine beiden Flüge nicht mehr getoppt so das ich das Glück hatte, den BHC in beiden Klassen zu gewinnen. Roland wurde 2. in der Clubklasse und zusammen mit Ingo 2. in der Doppelsitzerklasse. Glücklicherweise erhielten sie aber dennoch als 2. der Doppelsitzerklasse aufgrund der recht komplizierten Regelungen des BHC (Punktabstand zum 2. , Landeszugehörigkeit usw) eine Einladung auf die Ranch.

Der Aufenthalt auf der Ranch war eine Supersache. Obwohl wir durch relativ spät einsetzende Thermik keine Rekordwetterlagen hatten haben wir die Eigenarten der Wüstenthermik in Nevada voll auskosten können. Phantastische Steigwerte und Basishöhen bis 21 000 ft thermisch!. Ingo verpasst an einem Tag den 1000 er Jojo mit der ASW 20 nur um 30 km. Mir gelingt ein 600 km Zielrück in 4,5 h (Mosquito). Was in dieser Gegend steckt hatte der USA (Westküste) Sieger Jim Payne gezeigt. Sein Siegflug war 1997 ein 1000 km FAI Dreieck mit einem Discus in 6,5 h! Alles in allem eine runde Sache und ein unvergessliches Erlebnis. Die Gastfreundschaft von Barron Hilton und seiner Mannschaft ist einfach überwältigend. Es lohnt sich also jede Anstrengung um diesen wirklich einmaligen Preis zu gewinnen!